Glashütten im
Erzgebirge

Blauglasflasche, Glashütte Heidelbach, datiert 1674 Hintergrund Platzhalter02 lightandglass_143a Platzhalter Pressglaskorrespondenz02

Counter

 

Zisterzienser, Glasmacher und Drechsler

Glashütten in Erzgebirge und Vogtland
und ihr Einfluss auf die Seiffener Holzkunst

Dr. Albrecht Kirsche, Dresden

Verlag: Waxmann.
Münster, New York, München, Berlin 2005

- Zusammenfassung-

Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen die vorindustriellen Glashütten des sächsischen und böhmischen Erzgebirges sowie des Vogtlandes. Das Wissen über Glashütten dieser Region erschöpfte sich auf wenige, hauptsächlich frühneuzeitliche Anlagen. Hinzu kamen einige emailbemalte Renaissancegläser, die man ihnen zuschrieb. Mit der Entdeckung einer Glashütte im Jahr 1979, die in die Zeit um 1200 datiert wurde, begannen intensive Forschungen zu diesem Thema. Neu an der Vorgehensweise war, dass neben einem intensiven Literatur- und Quellenstudium, die Lokalisierung der Standorte im Gelände einen bedeutenden Stellenwert einnahm. Erst dadurch war es möglich weitere Standortfaktoren zu erkennen, das Alter zu bestimmen sowie wichtige Hinweise auf technische Gegebenheiten der Glashütten zu erhalten. In der vorliegenden Arbeit werden die derzeit bekannten Glashüttenstandorte aufgezeigt, in die Regionalgeschichte eingeordnet sowie die technischen Ausrüstungen, Eigentumsverhältnisse und personelle Besetzungen dargestellt. Mit den daraus resultierenden Erkenntnissen sollen die Betriebsformen dieser Glashütten diskutiert und Ansätze für den Technologietransfer im Glasmachergewerbe beschrieben werden. So geht diese Arbeit erstmalig über Einzeldarstellungen hinaus und hinterfragt Aufgaben dieser Hütten, die sie neben Glasherstellung für den Landesausbau und die Waldwirtschaft übernahmen. Der behandelte Zeitabschnitt erstreckt sich vom 13. Jahrhundert bis zur Umstellung der letzten Glasöfen auf Regenerativgasheizung im Jahr 1889. Die Glashütte Heidelbach dient als Beispiel die technische, wirtschaftliche und künstlerische Entwicklung einer erzgebirgischen Glashütte über fast 350 Jahre zu verfolgen. Neben der Differenzierung des Glasmacherberufes werden auch das Sesshaftwerden der Glashütte und die Problematik der Holzbereitstellung untersucht. Die Nähe dieser Glashütte zum Spielzeugdorf Seiffen lassen Verbindungen von Glasmacherei und der Holzdrechselkunst vermuten. Es stellt sich die Frage, ob die Entstehung des für Seiffen typischen Reifendrehens, dessen Wurzeln bisher unbekannt waren, mit dieser Glashütte in Verbindung stehen. Somit berührt diese Arbeit technik-, landes-, kunst-, und wirtschaftshistorische sowie landes- und volkskundliche einschliesslich genealogische Aspekte.
Schriftliche Quellen zu den frühesten Hütten im Erzgebirge fehlen. Durch Analysen der Gründungsphasen der erzgebirgischen Zisterzienserklöster (Altzella, Grünhain, Ossegg*) und mit Hilfe der Regeln des Zisterzienserordens wird versucht, Mönche dieses Ordens als Betreiber der ersten Glashütten zu belegen. Wegeverläufe zwischen dem Kloster Ossegg* und den ältesten Glashüttenstandort sowie Flurnamen und spätere Quellen stützen diese These. Dabei kommen einer Grangie und einem Eremus - die als solche bisher nicht bekannt waren - eine wesentliche Bedeutung zu.
Der weitaus größte Teil der Glashüttenstandorte wurde in den letzten Jahren auf der Grundlage eines intensiven Quellen-, Literatur- und Kartenstudiums ermittelt. Neben expliziten Nennungen eignen sich vor allem Flurnamen als Hinweise auf mittelalterliche Glashütten. Es können nun insgesamt 105 Glashüttenstandorte belegt werden. Obwohl ihre Suche sehr mühsam und nur selten von Erfolg gekrönt ist, wurden bei zahllosen Exkursionen in der gesamten Region bisher mehr als 30 Ofenstandorte im Gelände lokalisiert.
Aus den in eine Karte eingezeichneten Glashüttenstandorten ergeben sich Verdichtungsräume, die als Glaserzeugungskreise bezeichnet werden sollen. Ihre Abgrenzung erfolgt im Wesentlichen entsprechend den Grundherrschaftsgebieten. Glashütten, die derzeit allein aufgrund von Flurnamen zu vermuten sind, werden auf der Grundlage historischer Ereignisse und Erfahrungen zeitlich und technisch eingeordnet. Für zahlreiche Glashüttenstandorte ergibt sich eine neue Bewertungen ihres Verhältnisses zum Bergbau, der technischen und personellen Ausrüstung oder ihrer regionalen Bedeutung. In einer Tabelle sind die Glashüttenstandorte einschließlich ihrer Produktionszeiträume, ihrer Hüttenform und Lage aufgeführt.
Selbst im Erzgebirge war die Verdrängung der Glashütten durch den Bergbau nicht so stark, wie bisher angenommen. Bis in das 16. Jahrhundert war genügend Holz vorhanden. Obwohl besonders nach der Grenzfestschreibung von 1459 und dem Inkrafttreten der Holzordnungen im Jahr 1560 die Anzahl der Glashütten reduziert wurde, konnten beide Gewerke auf relativ engem Raum gemeinsam betrieben werden. Diese Festschreibung der veränderten Holzverteilung führte bereits zu dieser Zeit endgültig zur Sesshaftwerdung der Glashütten. Sie entstanden nun in abgelegenen Wäldern, deren Holz nicht durch den Bergbau, die Bevölkerung oder den notwendigen Gewerben genutzt werden konnte. Trotzdem arbeitete unmittelbar vor den Toren der Bergstadt Marienberg fast 200 Jahre eine Glashütte. Im 18. Jahrhundert wurden Glashütten bei der Holzbereitstellung gegenüber dem Bergbau teilweise bevorzugt, so die Glashütte Weiters.

Bereits die Einführung erster Glashütten durch die Zisterzienser zu Beginn des 13. Jahrhunderts kann als Technologietransfer aufgefasst werden. Die Glasherstellung entwickelte sich danach - natürlich auch unter wesentlicher Beteiligung weltlicher Glasmacher – zu einem für die Region bedeutenden Gewerbe. Die zunehmende Holzkonkurrenz, vor allem im 16. Jahrhundert führte zu einer verstärkten Bereitschaft zahlreicher Glasfachleute das Erzgebirge zu verlassen. Gleichzeitig versuchten Grundherren im Nordosten Böhmens sowohl die Anzahl ihrer Untertanen zu erhöhen als auch die Wälder intensiver zu nutzen. So wanderten in dieser Zeit besonders viele Glasmacher vom Erzgebirge in diese Region.
Jedoch auch andere Migrationziele suchten erzgebirgische Glasmacher in der frühen Neuzeit auf. So ging Peter Hüttel nach Hessen und Niedersachsen und übertrug seine Kenntnisse zur Herstellung des weißen Glases und der Emailmalerei. Andere Glasmacher wanderten nach Thüringen, Brandenburg, die Schweiz und Dänemark.
Eine Periodisierung gelang unter Verwendung der Hüttenformen, die ergab, dass in der betrachteten Region die Hüttenform „Waldhütte“, die dem Handwerk äquivalent ist und bis um 1650 existierte, als Wanderhütten und sesshafte Hütten auftrat. Wanderhütten, die nach ihren Eigentümern in Klosterhütte und weltliche Wanderhütten zu unterscheiden sind, waren wesentlich an der Herrschaftsmarkierung und Siedlungsvorbereitung beteiligt. Nachdem sich die Grenze zwischen Böhmen und Sachsen herausgebildet hatte und zudem der Bergbau an Bedeutung gewonnen hatte, wurden einige der hiesigen Glashütten sesshaft. Sie hatten die Aufgabe, Wälder von schlechtem und faulem Holz zu befreien und die Wälder somit zu pflegen. Um 1700 gingen die Glashütten in den Besitz von Kapitalanlegern über, die nicht mehr mit der Produktion verbunden waren. Die Arbeitsteilung und der Mechanisierungsgrad, vor allem der Veredlungsprozesse, wurden erhöht. Sie entsprachen damit der Hüttenform der Glasmanufakturen, die eine Zwischenform von Bergfabrik und Manufaktur darstellt.
Zweifellos waren Glashütten Holzfresser. Waren sie deshalb auch Waldschädiger? Bei dieser Frage ist von der Gedankenwelt in der jeweiligen Zeit auszugehen. Waldhütten hatten die Aufgabe große Freiflächen zur Gebietsmarkierung zu schaffen und sesshafte Hütten abgelegene Wälder zu pflegen. Mit der Streunutzung zur Aschegewinnung sollte das heranwachsende Holz zur Nutzung für andere Zwecke geschont werden. Eine Berechnung des Holzverbrauches der Glashütte Heidelbach für das Jahr 1815 ergibt, dass man das Prinzip der Nachhaltigkeit nicht verletzte. Der hohe Holzverbrauch erschien zur jeweiligen Zeit als nützlich. So können diese Glashütten nicht als Waldschädiger, sondern als Waldpfleger betrachtet werden.
Vergleiche mit anderen Glashüttengebieten sind schwierig, da übergreifende Studien weder für Sachsen noch für Deutschland existieren. Dennoch wurden Sachsen, der Spessart, Thüringen sowie Schlesien und Böhmen dafür ausgewählt. Auf Grundlage der Literatur wird das technische und künstlerische Niveau der Glashütten verglichen sowie ihre Konkurrenzfähigkeit zu den Hütten der betrachteten Region untersucht.
Die Glashütte Heidelbach bei Seiffen arbeitete von etwa 1488 bis um 1827. Anhand der Glashüttenbesitzer wird ihre Entwicklung von einer Wanderglashütte bis zu einer dezentralen Glasmanufaktur dargestellt. Es werden die Gewerke aufgezeigt, die zum Betreiben einer Glashütte auf der jeweiligen Entwicklungsstufe notwendig waren. Mit den nachgewiesenen Glasveredlern, dem umfangreichen Fundmaterial und den zugeschriebenen Produkten wird es nicht nur möglich die in Heidelbach angewendeten Veredlungsverfahren zu bestimmen, sondern diese auch zu periodisieren. Damit wird es möglich, die Herkunft einiger Gläser sicherer zu bestimmen. Fragen nach den technischen Ausrüstungen werden, da archäologische Grabungen fehlen, vor allem auf der Grundlage der Kaufverträge erörtert.
Die Anwesenheit des ersten Direktors der Meißener Porzellanmanufaktur als Besitzer der Heidelbacher Glashütte und mehrere Porzellanfunde, warfen die Frage auf, ob hier geheime oder aber vom Kurfürsten sanktionierte Porzellanproduktion stattfand. Analysen der Funde und die Beschäftigung mit den beteiligten Personen ergeben, dass an dieser Hütte tatsächlich um 1720 mit Porzellan experimentiert wurde.
In früheren Forschungen zur Geschichte der Seiffener Holzkunst fand die Glashütte Heidelbach kaum Berücksichtigung. Die neuen Erkenntnisse zu dieser Glashütte belegen jedoch, dass sie einen bisher nicht beachteten Beitrag zur Verbreitung des Drechselverfahrens in Seiffen leistete und die ersten Drechsler eng mit der Glashütte zusammen arbeiteten. Aufgrund der territorialen Nähe und den daraus resultierenden persönlichen Beziehungen zwischen Glasmachern und Drechslern nahm die Glashütte  Einfluss auf die Seiffener  Holzgestaltung. Konjunkturverläufe der Glashütte, des Drechslergewerbes und des Bergbaues - dargestellt anhand der Beschäftigtenzahlen - zeigen, dass die Niedergänge von Bergbau und der Glashütte etwa zur gleichen Zeit begannen. In dieser Phase fanden auch Glasmacher im Holzdrechseln einen neuen Broterwerb und brachten ihre Fähigkeiten in die spezifische Holzgestaltung ein.
Der früheste urkundliche Nachweis für das Reifendrehen wurde nun für das Jahr 1800 - statt bisher angenommen 1810 - erbracht. Geht man von der Richtigkeit einer Zeitzeugenaussage aus, so wurden Reifen gar schon 1775 gedreht. Da wohl keine Quellen zur Entstehung dieser Technik existieren, ist die Forschung auf den Vergleich analoger Technologien angewiesen. Im Glasformendrehen wurde eine dem Reifendrehen sehr ähnliche Technologie gefunden. Glasformen aus Holz waren besonders für die Heidelbacher Glashütte, notwendig, die serielle Gläser in einer hohen Qualität herstellte. Sie können nun an dieser Hütte bereits für das Jahr 1722 belegt werden. Somit hatte der Glasformendreher in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als der Spielwarenmarkt grosse Serien forderte, genügend Erfahrungen und besondere Fähigkeiten um aus dem Drechseln einfacher Profilringe das komplizierte Reifendrehen zu entwickeln. Entscheidend war dabei die Verwendung nassen Holzes, die nur der Glasformendreher kannte. Ein technologischer Vergleich und ein praktischer Versuch verdeutlichen die zahlreichen, technologischen Gemeinsamkeiten von Glasformen- und Reifendrehen.
Glashütten in der untersuchten Region waren nicht nur Glasproduzenten. Ihnen kamen aufgrund ihres hohen Holzverbrauches wesentliche Aufgaben beim mittelalterlichen Landesausbau und der Waldwirtschaft zu. Die territoriale Überlagerung der Glashütten mit dem Bergbau und die damit im Zusammenhang stehende rasche Besiedlung führten hier zu einer frühen Sesshaftwerdung. Einige Glashütten nahmen Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung ihrer unmittelbaren Umgebung, der bei der Drechselkunst im Seiffener Winkel noch heute wirkt.

[Home] [Glashütten] [Publikationen] [Zisterzienser] [Mundarten] [Wandern] [Kontakt] [Symposium]